Liebe im Bombenregen 1




Wenn man auf dem Boden schläft und die Kälte den Körper einhüllt...
Wenn das Geräusch der Kriegshubschrauber die Ohren betäubt…
Wenn die Bomben nicht weit entfernt das Herz zum Weinen bringen…
…dann hilft nur die Liebe, die mit ihren weiten Flügeln einhüllt und wärmt.




Ein Schuss unterbrach die Stille der Nacht. Eine Frau schrie sofort auf und brach auf dem verdreckten Boden zusammen.
Ich stand nur wenige Meter von ihr entfernt und betrachtete geschockt das dunkle Blut, das aus der Wunde spritzte.
„Stella…!“, hauchte die Frau, während das Blut auch schon aus ihrem Mund quoll.
Ein kleines Mädchen rannte kreischend auf die Frau zu. Es schrie wie auf dem Spieß und umarmte ihre Mutter.
„Mama, steh auf. Mama!“
Die Frau sammelte all ihre Kräfte und berührte die Hand des Mädchens.
„Lauf Stella. Lauf weg. Bitte. Ich liebe dich…“
Das Mädchen schüttelte protestierend den Kopf und umklammerte die Hand der Frau noch fester. Die Tränen des Mädchens vermischten sich mit dem Blut und tropften auf den Boden.
Ich war immer noch viel zu gefesselt von dieser Szene. Warum..?
Ein wenig Luft füllte noch ihre Lungen, doch es entwich nicht mehr. Sie erstarrte. Das Mädchen schrie auf und rüttelte am toten Körper ihrer Mutter.
Ich wollte auf das Mädchen zu gehen, es trösten, es in den Arm nehmen. Doch ich wusste, dass mir dies untersagt war. Mein Herz kämpfte mit meinem Verstand, doch bevor ich mich auch nur einen Millimeter voran bewegen konnte, ertönte ein weiterer Schuss.
Das Mädchen schrie ein letztes Mal auf und schließlich fiel ihr Gesicht auf den Bauch ihrer Mutter. Ihre glatten Haare umhüllten den gesamten Kopf und ließen keine Sicht auf den Gesichtsausdruck des Kindes.
Als hätte mich ein Blitz getroffen zuckte ich zusammen und drehte mich um.
„Warum hast du das Kind umgebracht?“
Ich blickte in die eiskalten Augen meines Kameraden.
„Ich hatte Kopfweh, und wollte diesem Geschrei ein Ende setzten.“
Seine Antwort löste in mir ein Gefühl aus, das ich nie zuvor empfunden hatte. Eine Mischung aus Wut, Trauer und Ekel vor dieser Person vor mir.
„Starr mich nicht so an, Zac. Das hättest du erledigen sollen, du Weichei.“
Fassungslos öffnete ich den Mund um etwas zu entgegnen, doch kein Ton kam heraus.
Immer noch hallten die Schreie des Kindes in meinen Ohren wider. Es hatte doch bloß um seine Mutter geschrien.
Ich bombadierte Joe, meinen Kameraden, innerlich mit allen Schimpfwörtern, die mir nur einfielen.
„Wir müssen jetzt ins Lager, morgen müssen wir früh aufwachen um den nächsten Stadtteil zu belagern.“
Biest, Kakerlake, Mörder –
„Ich weiß doch, dass du mich beschimpfst. Das machst du immer, wenn du so ruhig bist.“
„Joe, das ist jetzt wirklich nicht, der passende Moment zum Scherzen.“
Er gab nur ein höhnisches Geräusch von sich und schlenderte an mir vorbei.
Ich wendete mich noch einmal um, und schaute die Mutter und das Kind an. Es zerriss mir das Herz.




“Verdammte Scheiße, steh jetzt endlich auf! Sonst lassen wir dich hier zurück! ZAC!“
Kaltes Wasser prasselte auf mein Gesicht und floss meinen Hals entlang bis es letztenendes meinen Shirtansatz durchnässte.
Ich öffnete meine Augen einen kleinen Spalt, und presste sie wieder wegen dem Licht fest zusammen.
„Joe, hör mit dem Blödsinn auf… Ich steh ja schon auf“, murmelte ich verschlafen.
Nach einer Minute setzte ich mich auf und wischte mir mit den Händen über dem Gesicht, in der Hoffnung die Müdigkeit wegzuwischen.
Seufzend sah ich mich nach Joe um. Er stand neben der Holztür, die Arme verschränkt und eine gelangweilte Maske aufgesetzt.
„Die ganzen Jungs stehen schon draußen, jeder hat seine Pistolen dabei und freut sich schon auf den nächsten Stadtteil… Nur du schläfst hier noch rum, und kümmerst dich kein bisschen um unsere Arbeit hier“, murrte er wieder herum.
So beschloss ich ihn einfach zu ignorieren und mich rasch fertig zu machen.
Während ich mir mein Gesicht und die Zähne wusch und mir die Uniform überzog, stahlen sich die Bilder des toten Kindes noch einmal vor meinen Augen. Die Nacht war bis jetzt die schlimmste gewesen. Die Schreie und die Tränen des Kindes haben mich verfolgt, als wollten sie mir sagen, räche uns, töte uns nicht, hilf uns.
Ich verfluchte innerlich meinen Vater, der mich in dieses Mördernest gelegt hatte. Warum musste ich nur Soldat werden? Es gab doch so viele andere Jobs. Aber nein, ich musste dem Land eine rechte Hand sein.
„Willst du jetzt die Tablette schlucken?“
Ich wirbelte herum und sah Joe verärgert an.
„Du weißt ganz genau, dass ich nicht jede x-beliebige Tablette schlucke.“
Er zuckte mit den Schultern und nahm selbst eine. Bis jetzt verstand ich nicht wirklich, was dieses Arzneimittel bewirken sollte. „Beruhigt die Nerven“ hatte Joe immer gesagt. Pah, das würde ich mir sicher nicht antun.
Er warf mir die Schachtel mit den Tabletten herüber.
„Lass sie wenigstens bei dir, falls du es dir doch noch anders überlegst.“
Schnaubend verstaute ich sie in meine Provianttasche, genau neben meiner Wasserflasche platziert.
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Meine Beine konnten mich fast nicht mehr tragen, mein Körper war müde und ausgelaugt.
Irgendwer gab mir einen Ruck und murmelte mir aufbauende Wörter zu. Inzwischen waren wir im westlichen Teil der Insel, die wir belagerten. Schon zwei Stunden marschierten wir auf unebenem Grund. Noch eine halbe Stunde lag vor uns, dann würden wir das nächste Lebenszeichen vorfinden.
„Zac.“
Ich wollte diese Stimme nicht mehr hören. Gab es denn nur Joe auf diesem Planeten?
„Was ist?!“
Er grinste mich an und entblößte seine lang nicht gewaschenen Zähne.
„Heute ist deine Chance, endlich die Pistole zu verwenden. Es ist echt viel besser, als in Computerspielen.“
Ich holte tief Luft, um ihm zu verdeutlichen, wie stark er mich anekelte.
„Bevor du irgendwas sagst, es ist dein Job, und wenigstens ein Haus solltest du in die Luft jagen. Unsere Flugzeuge werden heute Nacht die Bomben auf die Stadt loslassen. Wird sicher eine geile Silvesterland!“
„Du bist ein Schwein. Lass mich gefälligst in Ruh.“
„Sei vorsichtig mein Freundchen, sonst petze ich alles dem Vorsitzenden.“
„Mich kannst du nicht erpressen, mach was du willst.“
Rasch presste ich die Provianttasche eng an mich und schritt schnell an Joe vorbei. Schon von weitem konnte ich die ersten Häuser sehen. Meine Kehle schnürte sich zusammen.




„Uuuund … Stop!“
Sofort gehorchten wir alle dem Kommandanten und blieben stocksteif stehen.
„Wir stehen jetzt vor der Stadt, es wird eine schwierige Aufgabe. Unsere Truppen stehen an allen Seiten, wir sind die westliche Seite. Ihr geht in die Häuser und nehmt die Männer mit. Frauen und Kinder nehmen die anderen Truppen mit. Wenn jemand protestiert oder euch mit Steinen bewirft, oder sonst etwas, sofort erschießen. Auch Säuglinge erschießen, weil wir nicht die Versorgung für die haben. Gut, fünf Männer gehen jeweils miteinander in ein Haus. Marsch!“
Ich schluckte schwer, und versuchte die Angst zu unterdrücken. Angst einen Säugling vorzufinden, oder jemanden der protestiert.
Er wollte seine Pistole auf keinen richten, er wollte kein Blut sehen. Sein Herz schlug fest gegen seine Rippen, als er mit vier anderen Männern den Hügel verließ. Er beobachtete noch die vielen anderen Gruppen, die lachend und gut gelaunt Richtung Häuser marschierten. Wie gerne hätte ich sie anspucken wollen.
„Zac, gehen wir gleich in dieses Haus?“
Ich schaute auf und folgte dem Finger des Soldaten. Es war fast kein Haus, sondern eine Villa. Ziervoll waren die Mauern bemalt, das Tor war aus dunklem Holz. Es waren zwei Stöcke vorhanden, das Dach war flach.
„Von mir aus..“, murmelte ich. Mir war unbehaglich zumute.
Sie stießen die Tür mit den Füßen auf und richteten die Waffen auf den Eingang. Langsam schritten wir ins leere Haus und fanden uns vor Treppen.
„Ich gehe in den Keller… Durchsucht ihr die zwei Stöcke und das Dach“, sagte ich schnell und erhielt von jedem Zustimmen.
Mühsam raffte ich all meine Kraft zusammen und schritt Treppe für Treppe hinunter.
Du wirst schon nichts finden, redete ich mir ein.
Das Knarren des Holzes unter mir, munterte mich nicht wirklich auf.
Unten angelangt kniff ich die Augen zu, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Ich holte langsam ein Streichholz aus meiner Tasche und zündete es an. Das Licht flackerte gespenstig auf den Mauern. Langsam durchquerte ich den Raum, und fand nur alte Schachteln, Holzmöbel und Gewand. Erleichtert wollte ich das Haus wieder verlassen, als ich ein Niesen hörte. Erschrocken wirbelte ich herum und leuchtete in Richtung des Geräuschs. Ich fand nur einige Schachteln und Decken. Zögernd entfernte ich die Decken und schmiss sie weg. Als ich dann auch noch eine Schachtel entfernte, sah ich sie. Eine junge Frau, die zitternd ein Baby in der Hand hielt und ihn mit großen Augen ansah.
„Bitte…“, begann sie, „töte mich… aber lass das kleine Kind.“




Als ich diesmal handelte, handelte ich mit einem Menschenherz, und nicht mit dem eines Biestes, eines Mörders. Ich überließ der Liebe in meinen Adern die Kontrolle über mich. Die Menschlichkeit zertrümmerte den Stein, den man mit meinem Herzen ausgetauscht hatte. Kurz, und ohne viel Poesie ins Spiel zu bringen, handelte ich wie ein Mensch.
„Keine Angst, Miss. Ich werde ihnen nichts tun.“
Ein letztes Mal betrachtete ich ihre zersausten braunen Haare und ihre Augen, die so viel Sanftmütigkeit, Intelligenz und Angst ausstrahlten, dass es tief in meinem Herzen schmerzte. Sie erinnerte mich stark an etwas, doch ich wusste nicht an was. Ich drehte mich um, um den Keller zu verlassen und mit den restlichen Soldaten weg zu gehen.
„W..Warten Sie bitt..bitte.“
Ruckartig blieb ich stehen, ihr immer noch den Rücken zugewendet.
„Haben Sie ein wenig Wasser?“
Wie ein Schlag mitten in den Magen. Es hatte mich nie jemand nach Wasser gefragt.
Langsam drehte ich mich um.
„Haben Sie denn in den oberen Wohnungen kein Wasser?“
Sie senkte kurz den Blick und schaute wieder auf.
„Doch, aber.. seit gestern dürfen wir die Keller nicht verlassen. Alle sagen, die Soldaten marschieren ein…“
„Oh.“ Mehr brachte ich nicht zu Stande.
„Klar, hab ich Wasser.“
Ich kramte die Flasche aus meiner Tasche hervor ging auf sie zu. Sie wich zuerst zurück, starrte mich angstvoll an und nahm erst dann die Flasche entgegen.
„D..Danke.“
Ich hatte bemerkt, dass in ihrer Hand ein Messer war. Eine kleine Art der Verteidigung.
Sie hätte ich auch umbringen sollen. Doch ich wusste nicht was an ihr es war, aber ich fühlte mich stark von ihr angezogen.
„Keine Ursache.“
Als ich sie sah, wie sie zuerst das kleine Kind ein paar Schlucke gab, bis es satt war und erst dann die Flasche an den Mund setzte, hatte ich das Gefühl, dieser Frau weiter helfen zu wollen. Ich fühlte mich für sie abhängig, fühlte, dass ihr Leben von mir abhängig war. Gleichzeitig wollte ich nicht mehr in der Löwengrube bleiben.. Ich wollte von den Mördern fliehen und sie bekämpfen.
Als sie mir die Flasche wieder reichen wollte, schüttelte ich bloß den Kopf.
„Gibt es denn bei dir einen Mann, der Acht gibt, dass euch nichts passiert?“
Sofort füllten die Tränen ihre Augen.
„Mein Vater… er ist im Krieg gestorben.“
Das war meine Chance.
„ZAC! KOMM ENDLICH RAUF!“
Alarmiert hob ich den Kopf und schaute sie beruhigend an. Sofort rannte ich die Treppen hoch und schaute den anderen Soldaten ins Gesicht.
„Und, was gefunden?“
Alle schüttelten den Kopf.
„Nichts zum Abballern..“, entgegnete einer von ihnen, mit einem traurigen Gesicht.
„Öh, ich muss noch meine Tabletten nehmen“, meinte ich und holte die Schachtel hervor.
„Jaja, wir gehen daweil vor. Falls du uns nicht findest, geh einfach zum Kommandant!“
„Klar.“ Erleichtert wartete ich bis sie verschwunden waren und rannte in den Keller zurück.
Mit großen Augen schaute mich die Frau an.
„Was wollen Sie denn von mir?“
Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf meine Lippen.




Seit einer halben Stunde saß ich nun im Keller, zwei Meter von der jungen Frau entfernt. Ich hatte ihr langsam erklärt, dass ich ihr nur helfen wolle und von den Soldaten floh. Sie hatte bloß erstaunt genickt, doch das Messer hatte sie nicht eine Sekunde weggelegt. Das Misstrauen konnte ich ihr schwer übel nehmen, schließlich fand man nicht alle Tage einen Soldaten, der dem Feind helfen wollte. Bei dem Gedanken an „Feind“ zog ich belustigt die Lippen kraus. Eine Frau und ein kleines Kind stellten ja eine Riesenbedrohung da.
Heute Nacht mussten wir diese Stadt verlassen. Die Bomben würden alles zertrümmern, als auch die Frauen und Kinder in den anderen Häusern. Ich hoffte wenigstens einer von ihnen helfen zu können. Zwar wusste ich noch nicht genau wohin wir fliehen würden, doch zurück in das alte Lager konnten wir nicht, da auch dort Soldaten wie angepflanzt standen und die Gegend bewachten.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, unterbrach die sanfte Stimme meinen Gedankenfluss.
Ich drehte meinen Kopf leicht zu ihr und betrachtete ihre zarten Gesichtszüge.
„Zachary Efron, nenn mich aber Zac. Du?“
Sie flüsterte kurz meinen Namen nach und verriet mir dann ihren.
„Vanessa Hudgens.“
„Schöner Name.“
„Danke.“
Die Röte die in ihre Wangen schoss, ließ mein Herz höher klopfen. Ihre Schönheit war unglaublich.
„Vanessa? Wir müssen heute dieses Haus verlassen.“
Entsetzt schaute sie auf und suchte mit ihrem Blick nach einer Antwort in meinen Augen.
„Warum?“, flüsterte sie erstickt und griff nach der Hand des Kindes.
„Es werden in der Nacht Bomben auf die Häuser losgelassen. Wir würden alle nur sterben, wenn wir hier bleiben würden.“
„Und wann werden wir gehen?“
„In drei Stunden, bis die Soldaten weiter gezogen sind!“
„Das geht nicht. Meine.. Meine Mutter und meine Schwester sind gestern losgezogen, um für Adrian ein Medikament zu holen. Ich muss auf sie warten, sonst bleiben sie im Haus und sterben.“
Verdammt, das war ein Wurf ins Schwarze. Sie hatte Recht.
Plötzlich erinnerte ich mich sofort wieder, an die Sache die Vanessa extrem ähnlich sah. Sofort kam die Erinnerung von gestern wieder hoch, die sterbende Frau und das weinende Kind, das schließlich auch erschossen wurde.
Ein ungutes Gefühl suchte mich heim, mein Blick wanderte zu Vanessa. Ich musterte sie durchdringlich und langsam fand ich meine Stimme wieder.
„Wie heißt deine Schwester, Vanessa?“, fragte ich zitternd.
„Warum fragst du? Stella heißt sie.“
Automatisch grub ich meine Fingernägel tief in die Decke neben mir ein und atmete schwer.
„Zac, was ist los?“
Besorgt betrachtete sie mich und hob die Augenbrauen.
„Vanessa.. Stella wird hier nicht mehr auftauchen.“




Mit glasigem Blick saß sie da, teilnahmslos und starrte geradeaus. Anfangs ist sie in Tränen ausgebrochen. Ich hatte versucht, meine Hand auf ihre Schulter zu legen, doch sie hatte sie aggressiv abgeschüttelt. Sie warf mir einen feindseligen Blick zu und weinte weiter. Jetzt war sie still. Ihr kleiner Bruder – er dürfte kaum acht Monate alt sein – sah seine Schwester mit großen Augen an. Ein trauriger Ausdruck hatte sich auf seinem Gesicht breit gemacht.
„Vanessa.. Wir müssen jetzt verschwinden.“
Sie ignorierte mich und verharrte in ihrer Stellung.
„Willst du denn, das Adrien stirbt?“
Zum ersten Mal seit einer Stunde flackerten ihre Augen auf, ich spürte wie sie den Griff um Adriens Hand verstärkte.
„Lass mich und meinen Bruder in Ruhe. Es genügt, dass du meine Familie zerstört hast.“
Wieder konnte ich die Aversion gegen mich spüren, es tat weh, offiziell als Mörder dargestellt zu werden.
„Ich hab sie doch gar nicht-“
„Versuch erst gar nicht, dich herauszureden. Verschwinde, geh zu den anderen Killern.“
Ich rappelte mich auf, doch statt wirklich zu gehen, ging ich ein paar Schritte auf sie zu. Sie hatte immer noch die Wand hinter mir fixiert, wahrscheinlich wollte sie mir nichts ins Gesicht sehen.
„Ich werde nicht ohne dich gehen, das steht fest. Und zwar nicht wegen dir, sondern wegen Adrien.“
Ich wusste nicht, warum ich so bissig reagierte, doch die Wut in mir konnte ich nicht zügeln. Natürlich hatte sie Recht, doch ich war nicht dieser Mörder und ich musste jeden Tag den verfaulten Geruch des Todes riechen, und ich war es, der unfreiwillig in die Höhle des Löwens gesteckt worden war. Es war keineswegs Selbstmitleid, ich wollte einfach nur etwas Gutes tun. Damit ich mich wieder wohl fühlen konnte, und nicht die Häuser niederschmettern musste.
Sie hob den Kopf und starrte mich destruktiv an.
„Wir wollen nichts von dir. Verschwinde.“
„Die Seele deines Bruders gehört nicht dir. Nur weil du dickköpfig bist, heißt es nicht, dass er sterben muss.“
Sie kräuselte ihre Lippen. Ich konnte die elektrisierte Luft zwischen uns spüren, es würde nicht leicht werden, sie zu beschützen, doch der Kleine ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Und das Bild der sterbenden Mutter mit dem Mädchen wollte nicht aus meinem Gedächtnis weichen. Ich wollte es mit einem guten Bild ersetzen, einem Bild, das mich zum Lächeln brachte. Wie zum Beispiel einen kleinen unschuldigen jungen zu retten.
„Ich hasse dich.“
Es verletzte mich nicht. Ich ließ sie sagen was sie wollte, schließlich war es nicht leicht Mutter und Schwester an einem Tag zu verlieren.
„Wie du meinst. Und jetzt los, steh auf.“
Sie schaute ihren Bruder an, sah sein vor Fieber rotes Gesicht und seufzte.
„Ich tue das nur für dich Adrien. Sonst würde ich nicht diesem widerlichen Mann folgen.“
Der kleine Junge starrte sie bloß an. Sie stand auf, hob ihn auf ihren Arm und presste ihn an ihre Brust. Seine kleinen Hände legten sich um ihren Hals, müde senkte er den Kopf auf ihren Schultern.
„Du kannst packen. Ich werde mir sicher nicht die Mühe machen.“
Sie sah mich schnippisch an. Ihre Trauer hatte sich durch Hass ersetzt. Sie konnte ihre Gefühle sehr gut zügeln.
„Wie du meinst.“
„Hör auf wie du meinst zu sagen.“
„Wie du meinst“, erwiderte ich und flüchtete in den ersten Stock um einige Sachen einzupacken.




Hektisch riss ich die Schranktüren auf und schüttete den Inhalt auf den Boden. Kleidung aller Größen, jedes Geschlechts und jeder Art waren aufzufinden. Ich beugte mich über einige Stücke und stopfte sie ohne lange zu überlegen in eine kleine Tasche. Besonders auf die Babykleider konzentrierte ich mich. Auch mit meinem spärlichen Wissen, wusste ich, dass Kleinkinder besonders viel Wärme brauchen, und wenn es krank war umso mehr.
Auch einige schöne Damenkleider packte ich ein, ich achtete darauf, dass sie bequem sind. Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken, ihre Kleider wieder auszupacken, um sie zu ärgern. So leid sie mir auch tat, ich war einfach kein Mörder.
Ich tat es dann doch nicht.
Als ich fertig mit dem Packen war, machte ich mich auf die Suche nach etwas Anziehbares für mich. Ich öffnete den anliegenden Schrank, fand jedoch nur samtige Schlafanzüge. Sie gehörten höchstwahrscheinlich Vanessa. Sofort wollte ich die Tür wieder zuschlagen, doch etwas Blaues ließ mich zögern. Ich berührte leicht den Stoff und zog daran. Es war ein Männer Shirt, das mir genau passen würde. Einen Moment lang begutachtete ich das gute Stück und entschloss mich es einzupacken. Während ich es zu den anderen Sachen legte, fiel ein braunes verblichenes Kuvert aus den Ärmeln. Verwundert zog sich meine Stirn in Falten.

Liebe Vanessa,
Es tut mir Leid, ich habe es mir anders überlegt. Das alles ist mir zu riskant. Deine Liebe zu mir weiß ich sehr zu schätzen, doch du musst es verstehen. Meine Familie kann mit deiner nicht auskommen, und das ist dir sehr stark bewusst. Wenn dein Vater nicht immer Fehler in unserem Familienleben kritisieren würde, hätte das alles vielleicht eine ganz andere Richtung genommen. Man kann die Realität nicht ändern. Werde vernünftig. Das zwischen uns war ein Fehler, ich entschuldige mich nochmals. Es war…bloß die Unvernunft einer Nacht, mehr nicht.
Vielleicht ist es jetzt unpassend, aber lass uns Freunde bleiben. Und als gute Freundin, will ich dich auf meine Hochzeit mit Adeline einladen. Bitte kränke dich nicht, ich will nur, dass du es als Tatsache siehst. Dein Vater wird dir bestimmt auch verzeihen.
Du fragtest mich einmal, ob ich dich jemals liebte. Meine Antwort lautet, ich weiß es nicht. Es tut mir Leid. James.

Einige salzige Tränenspuren waren auf dem Papier zu erkennen. Ich ließ es langsam sinken und starrte wie benebelt auf den Schrank. Sie tat mir Leid. Extrem Leid. Wie viel Leid sie hatte ertragen müssen?
Es mischte sich noch ein anderes Gefühl mit dem Mitleid, ich konnte es nicht definieren.
„Zac, verdammt noch mal, bist dus dann endlich?!“
Ich zuckte zusammen, schrie zurück und verstaute den Brief tief in meine Tasche.




„So, du brillianter Soldat. Wie willst du mit uns beiden hier verschwinden, wenn deine Freunde draußen in der Stadt herumlungern?“
„Ich geh hinaus, schau ob die Luft rein ist und dann schleichen wir uns in dem Wald.“
Sie verdrehte die Augen, und starrte mich mit gekräuselten Lippen an. Ich mochte diesen Blick nicht.
„Ach, sehr originell. Und wenn sie dich sehen, nehmen sie dich gleich mit und ich kann mit meinem Bruder auf den Tod warten. Das ist natürlich eine viel einfachere Lösung, meinst du nicht?“
So pessimistisch hatte ich selten jemanden erlebt. Eine Spur von Sarkasmus hätte auch noch mitschwingen können, aber nein. Ich erkannte bloß Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit. Das einzige wofür ihre Sinne noch krampfhaft kämpften war ihr Bruder.
„Nein, so wird es nicht ausgehen“, meinte ich entschlossen und schulterte den Rucksack.
„Warte hier, ich komme in ein paar Minuten.“
Sie erwiderte nichts und drückte ihren Bruder fester gegen die Brust.
Ich atmete tief durch und verließ vorsichtig den Keller. Von hier aus konnte ich keinen Mucks von draußen hören, ich musste erst die Haustür erreichen.
Mein Hirn arbeitete unermüdlich und suchte nach einer Ausrede, falls ich einen dieser Scheusäle draußen antreffen sollte. Staub wirbelte auf als ich die Haustür öffnete. Der Himmel war grau, als trauerte er ebenfalls um das verlorene Land und die vielen Leichen. Meine Gefühle entsprachen seinen.
Ich schritt durch die winzige „Baumallee“, die liebevoll gepflanzt worden war. Nun sollte sie binnen weniger Sekunden verkohlen. Ich vermied es die Pflanzen anzusehen. Illusionen von Vanessas Mutter, wie sie diese voller Liebe pflegte und düngte jagten meine Gefühle und veranstalten ein seelisches Durcheinander. Nein, ich durfte jetzt nicht schwach werden. An mir hingen nun zwei Leben, die ich retten musste. Geschickt öffnete ich das Gartentor und streckte meinen Kopf hinaus um mehr zu erkennen. In dieser Gasse war keine Menschenseele. Ich atmete aus und trat endgültig aus dem Schatten der Mauer und stellte fest, dass sie alle schon in der nächsten Straße waren. Der günstige Fluchtmoment.
So schnell wie meine Beine mich tragen konnten, lief ich zurück ins Haus.
„Schnell, wir haben keine Zeit. Wir können nur jetzt fliehen. Beeil dich.“
Ein Schatten von Angst erschien doch noch auf ihrem Gesicht, sie kam sofort in Bewegung und lief neben mir her. Das kleine Kind schreckte von seinem Schlaf auf, weinte aber zum Glück nicht.
Wir umrundeten das Haus und preschten von der Hintergasse der Häuser die Straße entlang. Noch zehn Meter, dann boten die ersten Bäume ihren Schutz. Doch es waren bloß vereinzelte Bäume, wir mussten weiterlaufen. Sie begann zu keuchen, hielt aber nicht an. Ich streckte ihr die Hand entgegen, um ihr Adrien abzunehmen, doch sie weigerte sich sturr. Scheinbar vertraute sie mir immer noch nicht.
Die Baumkronen fielen immer mehr ineinander, und bildeten von oben eine vollkommene Decke. Wir hatten uns schon weit von der Straße entfernt. Als sie sich auf den Boden niederließ kam ich ebenfalls zum Stopp und schaute sie an.
„Ich kann nicht mehr“, jammerte sie atemlos.
Ich ließ meinen Blick durch die Gegend streifen. Die Häuser waren nicht mehr sichtbar. Es war bloß Wald. Doch ich wusste ganz genau, dass wir schon lange nicht von der Bombe geschützt waren. Wir mussten noch kilometerweit gehen.
„Machen wir eine kleine Rast. Wir müssen dann aber wieder gehen, viel Zeit bleibt uns nicht.“






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